Leseproben
Jeder muss mal Federn lassen
Auszug aus Kapitel 1
In der Nacht hatte es geschneit. Dicke, weiße Flocken. Alles war von einer weichen, aber kalten Decke überzogen. Was sich darunter befand, verbarg der Schnee, solange es kalt bleiben würde, mit stoischer Gelassenheit. Dieser Schnee war, oberflächlich betrachtet, von einem Weiß, das ihn absolut unschuldig aussehen ließ. Hätte man allerdings seine Kristalle unter einem Mikroskop betrachtet, so hätte man den ganzen Schmutz und Ruß entdeckt, den die Flocken auf ihrem Weg durch die Atmosphäre aufgenommen hatten. Aber so, wie man nach den allerersten Zeilen dieser Geschichte noch nichts von den darin vorkommenden Menschen, den vielfältigen Abgründen und Dramen einiger und der morbiden Schlechtigkeit anderer ahnt, sah auch der Schnee eben unschuldig und rein aus. Friedlich und harmlos...
Missmutig schlurfte der Hausmeister Jôzef Syfsac von seiner kargen Zweizimmer-Dienstwohnung zur Turnhalle hinüber. Dabei griff er gedankenlos zwischen seine Beine und kratzte sich ausgiebig. Es war Samstag vormittag, viertel nach elf, und eine gleißend helle Februarsonne, die vom Schnee reflektiert wurde, blendete ihn wie ein Blick in das Antlitz der Medusa.
Syfsac, nicht nur durch den hellen Reflex seiner Sehkraft beraubt, sondern auch wegen des schon am hellichten Vormittag gehörigen Alkoholpegels in seiner Koordination erheblich beeinträchtigt, stocherte eine ganze Weile mit dem Schlüssel am Türschloss herum. Schließlich gelang es ihm doch, die Tücken des Schließmechanismusses zu überwinden.
"Bekloppte Sportler!" brummelte er missmutig vor sich hin, nachmittags sollte nämlich ein Badminton-Punktspiel statfinden, für das er die Spielfelder vorbereiten sollte.
...
Wie er also damit beschäftigt war, das Tor zum Geräteraum aufzuziehen, brummelte er weiter destruktives Gesülze in seinen mit Warzen durchsetzten Aschteinhalb-Tage-Bart.
Doch dann stutzte Jôzef - was war das? Etwas Helles schimmerte ihm aus dem dunklen Schlund des Raumes entgegen, und - stecke da etwas drin? Syfsac patschte mit seiner schwieligen, klauenförmigen Hand auf den Lichtschalter.
Der Starter der Neonröhren mühte sich redlich ab, die Gasmoleküle zu erregen, aber erst nach ein paar unmoralischen Stromstößen hatte er sie soweit, dass sie aus ihrer Wochenend-Apathie erwachten und in Finsternis vertreibende Wallung kamen. Nachdem der Dunkelheit der Garaus gemacht wurde, enthüllte sich dem Hausmeister ein überaus groteskes Bild, welches auch sofort seinen ohnehin nicht sonderlich stabilen Geisteszustand zu demolieren begann: Aus der großen Ballkiste, in der die Badmintonspieler für gewöhnlich ihre mehr oder weniger zerdroschenen Federbälle aufbewahrten, ragten zwei Beine in einer braunen Cordhose hervor. In einem entblößten, mondblassen Hintern steckte, mit dem Griff voran, ein grellbunter Badminton-Schläger!
Die Augen von Jôzef wurden zum zweiten Mal in seinem Leben so groß wie Hühnereier; normalerweise waren sie nicht größer als Hasenköttel. Er merkte, wie seine Knie weich wie Fließ-Schnupfen wurden, und grabbelte erneut an seinem Gemächt herum. Die Situation überforderte ihn augenblicklich, und nach kruzer Zeit hatte sich eine übel stinkende Wolke um ihn aufgebaut.![]()
