Satire
Das schwarze Gold
Wir alle erinnern uns noch sehr gut an die Benzinpreise zu D-Mark-Zeiten. Und auch an die Preisschwankungen, die sich damals allerdings noch in einer Spanne von ein bis vier, allerhöchsten sechs Pfennigen abspielten. Auch verhielten sich die Preise über Tage, ja Wochen, recht stabil. Abgesehen von den gewinnorientierten taktischen Fördermengen-Spielen der OPEC wurde der Sprit allenfalls zu Pfingsten und vor den großen Ferien teurer, und selbst das ließ schon die Zornesader von uns Fahrzeuglenkern schwellen.
Und ach! – wie gülden dräut noch die Erinnerung daran, dass in den Sechzigern und beginnenden Siebzigern sogar ein Tankwart sich mit liebevoll-schnoddriger Hingabe um die Zuführung des Kraftstoffes in die Tanks unserer Vehikel kümmerte, und obendrein die Scheiben putzte, sowie den Luftdruck, Kühlwasser- und Ölstand prüfte! All dies ist Gewinnsucht und Vergangenheit anheim gefallen ...
Langsam und stetig gesteigerter Schmerz ist leichter zu ertragen, dachten sich wohl die Mineralölkonzerne. So betrugen die Sprünge nach der Euro-Einführung anfangs lediglich zwei bis drei Cent. Recht schnell gesellte sich der Vier-Cent-Sprung dazu. Aber was man mittlerweile an Stabhochsprüngen von bis zu neun Cent mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen geboten bekommt, generiert selbst bei Frauen ohne nachhelfendes Kratzen des Schädels zumindest eine virtuelle Glatze!
Und was früher Tage und Wochen brauchte, passiert nunmehr innerhalb eines Tages, ja sogar weniger Stunden, teilweise innerhalb der Mittagspause!
NEUN Cent! Das sind 17,6 Pfennig! Ebenso hanebüchen sind die Erklärungen für derlei Preissteigerungen, wenn uns denn überhaupt noch Rechtfertigungen präsentiert werden.
Früher gab es die oben genannten, aus wirtschaftlicher Sicht nachvollziehbaren Gründe, die die OPEC zu verantworten hatte. Diese ist zwar keine globale Institution, aber immerhin ein Zusammenschluss einiger Länder. Also durchaus von gewichtigem Einfluss.
Die OPEC ist inzwischen Schnee von gestern, zumindest in den Medien. Mittlerweile müssen immer kleinere Ereignisse herhalten. Anfangs war es der Krieg im Irak, später ein Wirbelsturm und noch ein paar Monate – oder waren es nur Wochen – eine kaputte Bohrinsel!
Auch der Rohölhafen in Rotterdam, sukzessive ein zu warmer oder zu kalter Winter, sind gern benutzte Argumente, wenn die Lager mal wieder zu voll oder zu leer sind.
Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis die Erklärung lautet: „Wir sind leider gezwungen, die Preise anzuheben, weil das Umweltbewusstsein, das kraftstoff-sparende Langsamfahren und die neue Generation der Drei-Liter-Autos für zu wenig Nachfrage sorgt!“, um als Entschuldigung für die Zockerspiele an der Börse herzuhalten.
Ebenso warte ich gespannt auf die Meldung in den Nachrichten, dass ein Tanklastzug geklaut worden ist und Wolfgang Schäuble sämtliche Scheunen der Republik mit Bundeswehr-Tornados röntgen lässt.
Oder aber Osama Bin Laden nimmt sich die gesamte internationale Tankerflotte vor, und versenkt einen nach dem anderen, har har!
Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird er jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vom chinesischen Geheimdienst gefunden werden, denn der aufstrebende Wirtschaftsriese wird sich nicht den Saft abdrehen lassen wollen und den Topterroristen mit ehrlichem Interesse am Finden endlich finden!
Wenn obendrein noch ein gewitzter koreanischer Klon-Experte ein Verfahren entwickelt, wie man aus Reis grenzenlose Energie gewinnt, dann wird auch endlich das Benzin wieder billiger.
Solange aber werde ich mich wohl immer noch über die verlogenen Politiker aufregen, die zwar zu Beginn des massiven Preisanstiegs lauthals nach Entlastungen der Bürger krakeelten. Ziemlich schnell verstummten aber deren Rufe, wohl weil ein Staatssekretär die Mehreinnahmen durch die Mineralölsteuer durchgerechnet hat.
„Na klar“, denken die modernen Wegelagerer sich, „wieso sollte die Kuh weniger Milch geben, wenn noch genug Gras zum Fressen da ist!“, auch wenn sie uns zusammen mit der Ölindustrie weiß machen wollen, dass das Öl nur noch für ein paar Jahrzehnte reicht.
Wenn dem so wäre, würden die Politiker die Automobilhersteller mit Sicherheit dazu verdonnern, endlich das Eineinhalb-Liter-Hybrid-Auto auf den Markt zu bringen, trotz der Einnahmeverluste der Mineralölsteuer!
Aber warum solltet sie das tun, wenn die Ölmultis ihnen hinter unserem Rücken versichern, es ist noch mehr als genug da!
Ein schöner Plan, uns mehr als nötig das Geld aus der Tasche zu zerren.
Bis sich wirklich etwas ändert, werde aber bis dahin wahrscheinlich mit dem ultimativen High-tech-Auto fahren, dass auf Grund der Klimakatastrophe die von der Erde, respektive dem glühenden Asphalt, reflektierte Erdwärme zum Vortrieb nutzt.
